Generation kostenlos - wie wir Jungen ausgebeutet werden.

Wir müssen sprechen. Und zwar über den Wert unserer Arbeit. Ein Erlebnisbericht.

Der Weg in die Selbstständigkeit ist lang und mühselig. Von den unzähligen unleidigen Erfahrungen mit Ämtern und Behörden spreche ich vielleicht ein anderes Mal, denn heute möchte ich zunächst auf einen sehr unangenehmen Umstand hinweisen. Kostenlose Arbeit.

Ich vergleiche es immer gerne mit dem Friseurbesuch oder mit einem Essen im Restaurant. Wenn ich eine Dienstleistung in Anspruch nehme, dann muss ich selbstverständlich dafür bezahlen. Das ist der Deal. There is no such thing as a free lunch. TINSTAAFL wenn man es kryptisch abkürzen mag. Einigen wir uns also auf diesen Umstand, dass irgendwo und irgendjemand im Hier und Heute immer bezahlen muss, okay?

Prima.

Ich kann nämlich den Spruch nicht mehr hören:

„Wir können dir nichts bezahlen, aber du kannst den Vortrag ja auch für dein Marketing nutzen.“

Na klar kann ich das. Und na klar werde ich das. Und ja, ich erkenne Chancen, wenn sie vor mir stehen. Echte Chancen meine ich. Keine Taschenspielertricks, um doch noch ein paar Euro zu sparen. Versteht mich also bitte nicht falsch. Aber dennoch schalte ich in dem Moment ab, wenn dieser besagte Spruch kommt. Davon bekomme ich Tinnitus.

Wir sitzen also in einem ordentlichen Dilemma. Es verhält sich ein wenig wie bei den bekannten Gefangenen, die beim Verhör nicht wissen, ob ihre Partner gegen sie aussagen, um die eigene Haut zu retten. Wie oft habe ich mich beim Gedankengang erwischt: Wenn ich es nicht mache, dann macht es jemand anderes. Ich muss diese Chance nutzen. Ich brauche weitere Aufmerksamkeit. Nur weiß ich offen gesagt nicht, ob es diese anderen überhaupt gibt, oder ob ich der einzige bin, der in diesem Zeitpunkt sich darüber Gedanken macht.

Ich habe einen weiteren Vorschlag. Stimmt ihr mir zu, dass ein Gehalt auch immer ein Ausdruck von Wertschätzung ist? Besonders für Selbstständige wie mich ist es aber nochmal mehr. Es ist in jedem Falle die Grundlage meines Lebens. Wenn ich schlecht bin, bekomme ich im Zweifel keine weiteren Aufträge. Basta. Ich kann mich nicht zurücklehnen und die Tage bis zum automatischen Gehaltseingang zählen. Wenn mir also jemand sagt, er möchte mich engagieren, aber kann mir nichts zahlen, wie reagiere ich richtig?

So möchte ich von einer prägenden Anekdote berichten. Vor einiger Zeit saß ich mit wichtigen und gestanden Leute zusammen. Nicht einmal, sondern ingesamt drei Mal. Für jeweils ein paar Stunden. „Ich saß mit den großen Jungs am Pokertisch“ scherzte ich im Nachgang noch.

Der Scherz sollte mir im Halse stecken bleiben.

Nun ja. Ich war frohen Mutes und betrachtete es als große Chance. Wir sprachen in angenehmer Atmosphäre über unser Vorhaben. Wir schmiedeten Pläne und dachten in großen Dimensionen. Ich fühlte mich sehr wohl im Kreise der Etablierten. Und dann kam ein erster Moment des Zweifelns. Nach dem letzten Treffen (bis dahin wusste ich es noch nicht, dass es dieses sein würde) stellte ich zum Abschluss die Gretchenfrage:

Wie finanzieren wir das Projekt eigentlich?

Uff. Da hab ich mich was gewagt. Ich, das Küken in der Runde. Sorry, aber das musste mal angesprochen werden. Wie ging es also weiter? Nach kurzem hin und her hieß es dann:

„Schick uns dein Angebot. Aber du sollst davon nicht leben können.“

BÄM.

Der Tilt-Mechanismus bestraft das Schlagen oder Anheben des Automaten, indem er alle Spielelemente (inklusive der Flipperhebel) außer Kraft setzt und so dafür sorgt, dass der Spieler die Kugel verliert. https://de.wikipedia.org/wiki/Flipperautomat

Game over.

Wie soll man sich nach so einer Ansage fühlen? Sicher nicht gut. Das heutige Bühnenprogramm: „Generation kostenlos“ strampelt sich ab.

Natürlich schickte ich mein Angebot. Natürlich unterbot ich meinen im Businessplan eingerahmten Nettostundenlohn um Längen. Natürlich wollte ich diesen Auftrag haben. Aber die Black Box sollte noch eine Überraschung für mich parat stellen.

Ich sollte kostenlos arbeiten.

Porto würde man mir aber bezahlen.

Kurz spielte mir mein Gehirn einen Streich. So flatterten doch Bilder von einer Altstadt, Wein und dem Meer durch meinen Kopf. Aber Halt, meinten sie tatsächlich die Versendungen auf dem Postwege? Im Jahr 2019. Just saying.

Ein halbes Jahr lang. Na klar! Ich spiegelte diese Aussagen im Vertrauen ein paar (gestandenen) Bekannten und bekam immer dieselbe Reaktion: Mach das bloß nicht!

Ich machte es nicht. Aus Prinzip.

Diese Situation, und ich bin mir sicher, dass ich nicht alleinig sowas durchgemacht habe, zeigt doch ein schwerwiegendes Missverständnis zwischen den Generationen auf. Gebt uns (Mitteljungen) doch endlich die Chance. Erkennt es an, wenn wir uns aus dem Hamsterrad befreit haben und es auf eigene Faust versuchen wollen. Ermutigt uns in unserem Vorhaben. Wir klauen euch rein gar nichts. Wir schenken euch unsere Aufmerksamkeit, unsere Leidenschaft und unsere Lebenszeit. Wir wollen etwas gemeinsam bewegen. Dazu gehört eine faire Bezahlung.